Ohren on the Road: “Is(s) was?! – Essen und Trinken in Deutschland”

IMG_5958

In der U-Bahn angegrinst: Das Plakat zur Ausstellung

Zwei Augäpfel, eine Birnennase und ein breites Bananengrinsen – das Ausstellungsplakat für “Is(s) was?!” war mir schon beim letzten Besuch meiner Herzheimat Bonn – genauer gesagt, in der U-Bahn – aufgefallen. Das Gesicht ein kleines bisschen unheimlich, das Obst saftig und vielleicht aus der Region, vielleicht aber auch nicht, die Ansprache provokant: Essen geht uns alle an! Was nehmen wir eigentlich so zu uns? Worauf achten wir beim Einkauf besonders? Hat sich unser Essverhalten verändert? Und überhaupt – “Is(s) was?!”

IMG_5945

Abenteuerzugfahrt!

Kürzlich war es endlich an der Zeit sich in den Zug zu setzen, dem guten, alten Haus der Geschichte mal wieder einen Besuch abzustatten und mich dort auf eine kleine Entdeckungsreise zum Thema “Essen und Trinken in Deutschland” zu begeben – natürlich nicht ohne die drei kritischen Gourmets Harald, Traudel und Batje im Gepäck zu haben. Die Ausstellung findet in meinem persönlichen Lieblingsmuseum (leider nur) noch bis zum 12. Oktober 2014 ihr vorläufiges Zuhause und der Eintritt ist, wie immer im Haus der Geschichte, frei. Bilder mit Blitz durfte ich leider nicht machen – daher sind meine eigenen Aufnahmen mit der Kamera-Oma auch ganz schön wackelig und krümelig geworden. Aber ich hab mein Bestes gegeben – und ich glaube, man kann das Wichtigste erkennen. Man möge mir angesichts meiner wenig professionellen Ausstattung mein fotografisches Unvermögen bitte nachsehen. Wer dennoch Interesse an passender Bebilderung zum Text hat, wird ganz unten fündig.

“Aber Alfred – was machst du denn da?!”
P1080439

…und wie wir das tun! Oh ja!

Wer steht zuhause regelmäßig am Herd, Mann oder Frau? Essen wir lieber in Gesellschaft oder allein, auf die Schnelle oder genüsslich? Welche Rolle spielen religiöse, ethische und moralische Gesichtspunkte bei der Auswahl dessen, was wir uns auf die Teller legen? Multikulti, regionalFast-, Slow- oder Convenience Food – wie hat sich unser Essverhalten in den letzten 60 Jahren entwickelt? Und gibt es irgendwelche abgefahrenen Trends und Richtungen, von denen ich noch nie etwas gehört habe? Seit meinem ersten “Kontakt” mit dem Plakat hatten sich bei mir eine geballte Ladung Neugier, Fragen und Ideen angesammelt; ein großes Päckchen, mit dem ich fröhlich in “Is(s) was?!” hineinspazierte. In Empfang genommen wurde ich von Ekel Alfred und Else in der Küche.

P1080434

Abwechslung gefällig?

Bereits im ersten Ausstellungsraum, der von einem Ausschnitt der Folge von “Ein Herz und eine Seele” beschallt wird, in der Alfred sich höchst selbst am Kochtopf versucht, wird klar: Unsere Esskultur ist kein eindimensionaler Themenkomplex – sie betrifft unsere Geschichte, kulturelle, wirtschaftliche, soziale und religiöse Faktoren und ist gleichermaßen essenzieller Bestandteil und Folge unserer Lebensart. Der Boden des Eingangsbereiches ist mit den Titelseiten bekannter Kochzeitschriften gepflastert; sie spiegeln sich in den Tischvitrinen hundertfach wider. In einer dieser Vitrinen: Ein handschriftlich auf Toilettenpapier verfasstes Kochbuch eines deutschen Soldaten in französischer Kriegsgefangenschaft, aufgeschlagen auf einer Seite, auf der er sich nach “Röhrendetschern” sehnt – einer Art süßer Reibekuchen aus dem Großraum Gera.

P1080432

Oh – schluck!

Traudel und ich sind angesichts dieses Wunsches nach Heimat und Normalität, nach wohlig warmer Nahrung und dem Duft von Zuhause gerührt. Is(s)’ das, was da noch kommt, ähnlich herzergreifend? Das nicht – aber es festigt unsere Ahnung, dass hinter “Essen und Trinken in Deutschland” mehr steckt, als nur die Darstellung von verschiedenen Geschmäckern und der Entwicklung unserer Lebensmittel im Laufe der Jahrzehnte. Ohne allzu reißfesten roten Faden wirft die Ausstellung Schlaglichter auf verschiedene Themengrüppchen, was mir sehr gut gefällt – in jedem Bereich und Raum bleibt einem so die Möglichkeit, wieder in einen neuen Komplex einzutauchen. Wir beginnen in den 50er- und 60er Jahren: Während die Frauen im Westen vor allem an den Herden stehen, sollen sie in der DDR laut SED-Ideologie und aufgrund des Arbeitskräftemangels zusätzlich berufstätig sein. Unterstützung gab’s durch erste Mikrowellen und die Großmama unserer eigenen Küchenmaschine, die wir im Zuge unserer Zeitreise begeistert unter die Lupe nehmen.

Von Kaffeekrise, Frischgemüse und dem meistproduzierten VW-Produkt
P1080467

Das würden wir gern mal probieren…

Egal ob Ost- oder Westprodukt, “retro” oder wirklich traditionell, egal ob “Kaffee-Mix” und Gemüsemangel oder eine so große, “richtig geile” Supermarktauswahl, dass einem schwindelig wird – die Ausstellung beleuchtet intensiv das Verhältnis der Deutschen zum Einkauf und Konsum. Auf einem Kassenband liegen heimische Produkte – beispielsweise eine pinke Kuckucksuhr aus dem Schwarzwald oder eine schwarz-rot-goldene “Faironika”, die bunte Symbolkuh der europäischen Milchbauern. Mit Kassenscannern lassen sich über Strichcodes Informationen, zum Beispiel zur Preisentwicklung, zu den jeweiligen Stücken abrufen – voll interaktiv und alles. Macht Spaß!

P1080471

Pralinen! Jawoll!

Während Traudel sich am zuckersüßen “Obst”-Ensemble des Konditors Bernd Siefert kaum satt sehen kann, freut sich Harald über ein prima kräuteriges Rezept für Frankfurter “Grie Soß“. Und Batje? Dem bleibt zumindest etwas mit Käse Belegtes! In einem Schaukasten lernen wir den Betreiber der ersten deutschen Pizzeria, Nico di Camillo, kennen, der das Gericht mit den italienischen Wurzeln 1952 nach Deutschland brachte. Wir schnuppern an Gewürzen und lernen sowohl etwas über die Entwicklung des Döners zum “typisch deutschen Fast Food in den USA, als auch über die Currywurst und ihren Weg zur Salonfähigkeit – dabei begutachten wir Bilder von Politikern und Prominenten, wie sie in Anzug und Kostüm Wurststückchen in rote Sauce tunken. Besonderer Star: Ein “VW-Originalteil” – die Volkswagen-Currywurst, deren Triumphzug seinen Anfang in der VW-Betriebskantine der frühen 70er Jahre nahm. Hergestellt in einer konzerneigenen Fleischerei enthält sie viel weniger Fett als andere Würstchen und schmeckt – angeblich – doppelt so gut. Den dazugehörigen Curryketchup kann man deutschlandweit beim VW-Vertragshändler seines Vertrauens kaufen – kein Witz!

Willkommen im Schlaraffenland!
P1080496

Lebensgroßes Drehschwein – nicht essbar.

So appetitanregend ein großer Teil der Ausstellung auch sein mag, so darf  auch der kritische Aspekt natürlich nicht fehlen. Lebensmittelskandale, extreme Diät- und Gesundheitstrends und die Frage, ob man Tiere wirklich essen sollte, gehören ebenso zu unserer Esskultur wie die reine Lust am Genuss. Die Ausstellung konfrontiert ihre Besucher ehrlich, aber nicht voreingenommen, mit Plakaten, Filmausschnitten und anderen Ausstellungsstücken zum Thema Veggie- und Biotrend und geizt dabei nicht mit Zitaten und Aphorismen. Diese stammen weniger von den großen Philosophen der Menschheitsgeschichte, sondern eher von Persönlichkeiten, die eine gewisse Bodenständigkeit ausstrahlen; Thomas D. soll hier als Beispiel dienen. Harald, Traudel, Batje und ich fühlen uns gut unterhalten – für einen gut informierten Vegetarier und Ernährungsnerd findet sich hier jedoch nicht allzu viel Neues. Das riesige, rotierende Schwein, das den Raum dominiert, so wie düstere Licht- und Toneffekte sorgen phasenweise für eine interessante, leicht unangenehme Atmosphäre, die bei mir einen starken Eindruck hinterlassen hat – aber wann sind die Wahrheit, und das Wissen, das wir oft versuchen, gedanklich beiseite zu schieben, schon gemütlich?

P1080512

Brotpellets – brilliante Idee oder Schande?

Passenderweise widmet sie sich der Schluss der Ausstellung dem, was mit unserer Nahrung passiert, wenn sie nicht mehr benötigt wird, unseren Ansprüchen in Sachen Frische nicht mehr genügt oder wenn aufgrund von Überproduktion große Mengen Abfall entstehen. Hier wird der Idee des Hildener Bäckers Roland Schüren viel Raum gegeben: Er verarbeitet einen Teil der Brote, die abends in seinen Bäckereien liegen bleiben, zu Pellets und verfeuert sie in Biomassebrennern. So versorgt er unter anderem seine Backöfen mit Energie. Die “Culinary Misfits” aus Berlin hingegen setzen auf den Nährwert unserer Lebensmittel und geben Gemüse eine Chance, das nicht ins Supermarktschema passt – je knödeliger und verwachsener, desto besser. Auch Mülltaucher und die seit den frühen 90ern in Deutschland aktiven Tafeln engagieren sich gegen das arglose Wegwerfen. Und das “Gemüseorchester”? Die Wiener Musiker spielen auf ausgehöhlten Gurken oder Karotten – und beenden jedes Konzert mit einer Verköstigung, bei der die Zuschauer sich mit einer Gemüsesuppe aus den zuvor bespielten “Instrumenten” aufwärmen können. Ihre Klänge begleiten uns nach knapp zwei Stunden auf dem Weg nach draußen.

Fazit mit Ohren
P1080538

Obligatorische Bonnbesuchsstation – Yogoût!

Die Ausstellung ist klein, aber fein. Neben einigen “Oh, interessant!“-Momenten und dem gelegentlichen”Das hab ich echt noch nicht gewusst…“, hat “Is(s) was?!” es geschafft, die wichtigsten Aspekte rund um das Thema “Essen und Trinken in Deutschland” zu beleuchten. Verständlicherweise ist es in einem so beschränkten Rahmen nicht möglich, viel mehr als die Oberfläche anzukratzen. Ja, wir essen und konsumieren heute anders als vor 60 Jahren – die Diskrepanz zwischen Mangelernährung nach dem Krieg und dem Verheizen von Brotpellets heutzutage ist bemerkenswert. Und ja, wir machen uns heute wieder mehr Gedanken über das, was wir zu uns nehmen, sowie darüber wie wir mit Tieren und Umwelt umgehen. Die Möglichkeiten lecker zu essen sind so multikulti-bunt wie noch nie zuvor. Ich war überrascht vom Vollmondbrot, fand die vielen, alten Lebensmittelverpackungen und Küchengeräte wunderbar und war begeistert davon, so viel über regionale, deutsche Spezialitäten auf der einen, und die immensen Einflüsse anderer Kulturen auf das deutsche Essverhalten auf der anderen Seite zu lernen.

Was meiner Meinung nach jedoch unterrepräsentiert war, dem Ganzen aber in die Tasche spielt, ist die Darstellung der heutigen gesellschaftlichen Unterschiede in Bezug auf das Kochen; einem Hartz 4-Empfänger ist es kaum möglich, auf echte Bioprodukte zurückzugreifen, während beispielsweise Hackfleisch im Discounter so billig ist wie nie zuvor. Auch über Entwicklung, Einfluss und Auswirkungen der Werbung hätte ich gern mehr erfahren. Zudem hätte ich schön gefunden, hätte es ein wenig mehr zum Anfassen, Schmecken oder Riechen gegeben – aber das ist nur meine persönliche Vorliebe.

P1080526

Gebildete Rättchen – aber morgen kochen wir lieber wieder was Leckeres!

Grundsätzlich möchten Harald, Traudel, Batje und ich euch die Ausstellung wirklich sehr ans Herz legen; sie bietet eine Menge Futter für Gespräche und Gedanken und kann eine schöne Anregung sein, das eigene Essverhalten und die Einstellung zu dem, was wir kaufen und konsumieren zu überdenken.

Nun ist es ja gerade mal wieder sonnig, aber der nächste Regen kommt bestimmt, und was könnte es besseres geben, als einen verregneten Sonntag im Museum zu verbringen? Also, bis auf einen verregneten Sonntag auf dem Sofa natürlich… Etwas über einen Monat habt ihr noch Zeit, euch die Ausstellung anzusehen – außerdem ist das wunderschöne Bonn selbstverständlich immer eine Reise wert!

 

 

Bildchen und Bonus zum Schluss
  • Gespannt vor der Ausstellung... Gespannt vor der Ausstellung...
  • ...und noch gespannter! ...und noch gespannter!
  • Unser tägliches Brot... Unser tägliches Brot...
  • Die Vorgängerin unserer Küchenmaschine von 1952 Die Vorgängerin unserer Küchenmaschine von 1952
  • Arbeiten und in der Küche stehen - kein Problem! Arbeiten und in der Küche stehen - kein Problem!
  • Veggie-Kultur in Berlin Veggie-Kultur in Berlin
  • Traudel staunt: So was Süßes kann sooo gesund aussehen! Traudel staunt: So was Süßes kann sooo gesund aussehen!
  • Die erste Pizzeria Deutschlands - "Sabbie di Capri" in Würzburg, 1952 eröffnet. Die erste Pizzeria Deutschlands - "Sabbie di Capri" in Würzburg, 1952 eröffnet.
  • Batje blickt ins Pizza-Gästebuch! Batje blickt ins Pizza-Gästebuch!
  • Harald freut sich über Grie Soß! Harald freut sich über Grie Soß!
  • Die großen Philosophen... Die großen Philosophen...
  • ...unserer Zeit! ...unserer Zeit!
  • Typisch Deutsch, oder was? Typisch Deutsch, oder was?
  • Der Volkswagen-Verkaufsschlager Der Volkswagen-Verkaufsschlager
  • Tabletts aus Kantinen und Mensen - hier steht die Currywurst ganz oben auf der Speisekarte Tabletts aus Kantinen und Mensen - hier steht die Currywurst ganz oben auf der Speisekarte
  • Das Gemüserättchen fühlt sich bestätigt! Das Gemüserättchen fühlt sich bestätigt!
  • Zitate werden immer gern genommen! Zitate werden immer gern genommen!
  • Puh! Das war spannend! Puh! Das war spannend!
  • Und als Bonus: Mein Bonner Lieblingsbaum! Und als Bonus: Mein Bonner Lieblingsbaum!
{image.index}/{image.total}

One comment

  1. Traudel says:

    Ich muss schon sagen: Ein schöner Ausflug! Und so interessant! Leider konnte man da jetzt so direkt nichts nagen… aber hinterher haben wir genagt. Mhm! War für Batje genug Käse im Programm? Neeein-Neeein… aber eine schöne Ausstellung! Jetzt auch mit Ohren! Ich bin gespannt, wer morgen kocht! Vielleicht ich? Mh-mh! Oder doch?

Hinterlasse einen Kommentar zu Traudel Antworten abbrechen